{"id":988,"date":"2008-04-15T23:15:03","date_gmt":"2008-04-15T21:15:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.krimiblog.de\/?p=988"},"modified":"2008-04-15T23:15:03","modified_gmt":"2008-04-15T21:15:03","slug":"allan-guthrie-abschied-ohne-kuesse","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/?p=988","title":{"rendered":"Jenseits der Harmonie-Heulbojen"},"content":{"rendered":"<p><img src=\"http:\/\/www.krimiblog.de\/bilder\/guthrie_abschied_ohne_kuesse.jpg\" style=\"float: right; margin-left: 5px;\" alt=\"Abschied ohne K\u00fcsse\" \/><strong>Allan Guthrie: <span style=\"font-variant: small-caps;\">Abschied ohne K\u00fcsse<\/span><\/strong><\/p>\n<p>Der Schotte Allan Guthrie ist so etwas wie das Wunderkind der englischen Krimiszene. Als sein erster Roman <span style=\"font-variant: small-caps;\">\u00e2\u20ac\u0153Two-Way Split\u00e2\u20ac\u0153<\/span> 2004 bei dem kleinen Verlag \u00e2\u20ac\u0153Point Blank Press\u00e2\u20ac\u0153 ver\u00f6ffentlicht wurde, arbeitete Allan Guthrie als Buchh\u00e4ndler in einer Filiale von \u00e2\u20ac\u0153Waterstone&#8217;s \u00e2\u20ac\u0153, einer britischen Buchhandelskette, in Edinburgh. Kein geringerer als Ian Rankin empfahl damals seinen Lesern, sie sollten doch zu \u00e2\u20ac\u0153Waterstone&#8217;s\u00e2\u20ac\u0153 gehen, nach Allan Guthrie Ausschau halten und  dann seinen Roman kaufen. <\/p>\n<p>Bis zu diesem Punkt hatte der 1965 geborene Guthrie eine Ochsentour hinter sich. Seinen Deb\u00fctroman hatte er bereits  2001 unter dem Titel <span style=\"font-variant: small-caps;\">\u00e2\u20ac\u0153Blithe Psychopaths\u00e2\u20ac\u0153<\/span>  f\u00fcr den \u00e2\u20ac\u0153Debut Dagger\u00e2\u20ac\u0153 der CWA, der britischen Vereinigung von Kriminalschriftstellern, eingereicht. In dieser Kategorie werden nur unver\u00f6ffentlichte Romane angenommen und Guthries Text schaffte es sogar auf die Shortlist. Doch einen Verlag konnte er daf\u00fcr nicht finden.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nErst drei Jahre sp\u00e4ter publizierte der kleine Verlag \u00e2\u20ac\u0153Point Blank Press\u00e2\u20ac\u0153 den Roman. All das h\u00e4tte man in Gro\u00dfbritannien vielleicht gar nicht mitbekommen &#8211;  denn \u00e2\u20ac\u0153Point Blank Press\u00e2\u20ac\u0153 ist ein US-amerikanischer Verlag \u00e2\u20ac\u201c w\u00e4re da eben nicht die beherzte Kaufempfehlung von Ian Rankin gewesen. Das ein schottischer Autor wie Allan Guthrie nicht gleich bei einem britischen Verlag unter kam, war f\u00fcr den guten Rankin einfach nur \u00e2\u20ac\u0153shocking\u00e2\u20ac\u0153. Auch Guthries zweiter Roman landete zun\u00e4chst erst einmal in den USA: Die Erstausgabe von  <span style=\"font-variant: small-caps;\">\u00e2\u20ac\u0153Kiss her goodbye\u00e2\u20ac\u0153<\/span> erschien 2005 als achter Band in der damals noch recht jungen <span style=\"font-variant: small-caps;\">\u00e2\u20ac\u0153Hard Case Crime\u00e2\u20ac\u0153<\/span>-Reihe. Einige Monate sp\u00e4ter erschien dann auch eine britische Ausgabe des Buches und seit einigen Wochen liegt <span style=\"font-variant: small-caps;\">\u00e2\u20ac\u0153Kiss her goodbye\u00e2\u20ac\u0153<\/span> nun auch in deutscher \u00dcbersetzung vor. Denn Guthries Roman <span style=\"font-variant: small-caps;\">\u00e2\u20ac\u0153Abschied ohne K\u00fcsse\u00e2\u20ac\u0153<\/span>, wie der deutsche Titel lautet, hat die Ehre, die deutsche Version der erfolgreichen <span style=\"font-variant: small-caps;\">\u00e2\u20ac\u0153Hard Case Crime\u00e2\u20ac\u0153<\/span>-Reihe zu er\u00f6ffnen.<\/p>\n<p>Das hier ein \u00e2\u20ac\u0153Zweitling\u00e2\u20ac\u0153 zum \u00e2\u20ac\u0153Erstling\u00e2\u20ac\u0153 wird, ist eine kluge Wahl, schlie\u00dflich schl\u00e4gt Guthrie in seinem harten Krimi die T\u00f6ne an, die man von nun an hoffentlich auch wieder \u00f6fter in deutschen Buchhandlungen h\u00f6ren kann: Sch\u00fcsse, Schl\u00e4ge und Schreie. Guthries Geschichte vom Schl\u00e4gertypen Joe Hope, der in Edinburgh f\u00fcr den fiesen Kredithai Cooper als brachialer Schuldeneintreiber Angst und Schrecken verbreitet, ist ein knallhartes Spiel mit dem, was einst mal den Hardboiled-Krimi ausmachte. Das Schicksal von Joe Hope, der erst seine Tochter durch Selbstmord verliert, sich auf die Suche nach den Gr\u00fcnden macht und deshalb auf die Orkney-Inseln fliegt, wo seine Tochter zuletzt lebte, dann seine nicht gerade geliebte Frau Ruth durch Mord verliert und schlie\u00dflich von der Polizei als mutma\u00dflicher T\u00e4ter verhaftet wird, ist an sich nicht wirklich neu.  Auch die entsprechende Sprache &#8211; \u00e2\u20ac\u0153Wichser\u00e2\u20ac\u0153, \u00e2\u20ac\u0153M\u00f6senschnorchel\u00e2\u20ac\u0153 oder \u00e2\u20ac\u0153Fotzentauchen\u00e2\u20ac\u0153 sind  nicht unbedingt Begriffe aus der Hochliteratur \u00e2\u20ac\u201c kennt man aus \u00e4hnlichen Werken. Was Guthries Roman so interessant und spannend werden l\u00e4sst, ist der abgr\u00fcndige, gleichzeitig aber auch unverf\u00e4lschte Spa\u00df, den der Autor beim Schreiben seines Krimis gehabt haben muss und der sich auf den Leser \u00fcbertr\u00e4gt<\/p>\n<p><strong>Viele bunte Kl\u00f6tze<\/strong><\/p>\n<p>D\u00fcster ist in diesem Roman nicht wirklich etwas, weil man Joe Hope, seine Freundin, die Nutte Tina oder den \u00fcbereifrigen Detective Sergeant Monkmann, nicht ernst nehmen muss. Auch Suizid und Mord dienen hier endlich einmal wieder nur dazu, durchgeknallte Figuren aufeinander los zu lassen, eine reichlich haneb\u00fcchene Handlung zum unvermeidlichen Showdown zu treiben und vor allem schr\u00e4ge Dialoge f\u00fcr sich sprechen zu lassen. Nein, dies ist nat\u00fcrlich keine Krimi-\u00e2\u20ac\u0153Kunst\u00e2\u20ac\u0153, es ist auch nicht in irgendeinem Sinne \u00e2\u20ac\u0153literarisch\u00e2\u20ac\u0153, wie es das deutsche Feuilleton so gerne f\u00fcr den Kriminalroman h\u00e4tte. Selbst der soziologische Hintergrund \u00e2\u20ac\u201c etwa die Armut in Edinburgh &#8211;  geht einem bei der Lekt\u00fcre letztlich am Arsch vorbei. Hier z\u00e4hlt nur eins: Die Guten k\u00e4mpfen gegen die B\u00f6sen und dabei sind die Guten nur die etwas weniger B\u00f6sen, die richtigen B\u00f6sen sind aber Oberarschl\u00f6cher und beide hauen sich ordentlich einen auf die Glocke. Jeder betr\u00fcgt hier jeden und nat\u00fcrlich \u00fcberlebt nur der, der stark oder hinterlistig genug ist. <del datetime=\"2008-04-16T07:50:30+00:00\">Darwin h\u00e4tte vermutlich seine schiere Freude gehabt<\/del>. Sozialdarwinisten h\u00e4tte daran vermutlich ihre Freude. Das alles ist nichts anderes als grandios hinterfotzige Unterhaltung.<\/p>\n<p>Allan Guthrie erfindet keinesfalls den \u00e2\u20ac\u0153Hardboiled\u00e2\u20ac\u0153 neu, von \u00e2\u20ac\u0153Noir\u00e2\u20ac\u0153 wollen wir erst gar nicht reden. Der Schotte gibt sich hier einfach nur als ein gro\u00dfes Spielkind, das mit den vielen bunten Kl\u00f6tzen der Krimigeschichte ein schiefes und h\u00e4ssliches Haus baut, um es am Ende mit viel Krach zum Einst\u00fcrzen zu bringen und dabei eine unb\u00e4ndige Freude versp\u00fcrt und verspr\u00fcht. Selten habe ich einen so \u00e2\u20ac\u0153sinnlosen\u00e2\u20ac\u0153 Roman gelesen und trotzdem dabei mordsm\u00e4\u00dfigen Spa\u00df und herrliche Schadenfreude gehabt. Nennt es wie Ihr wollt \u00e2\u20ac\u201c R\u00fcckbesinnung, Tradition, Genrepflege \u00e2\u20ac\u201c oder noch besser: Behaltet diese beschissenen Etiketten einfach f\u00fcr Euch. F\u00fcr mich war das Lesen von \u00e2\u20ac\u0153Abschied ohne K\u00fcsse\u00e2\u20ac\u0153 endlich wieder das, was Krimilesen fr\u00fcher mal ausgemacht hat: Ein einfaches, folgenloses Vergn\u00fcgen \u00e2\u20ac\u201c jenseits der Harmonie-Heulbojen im kriminalliterarischen Hermeneutik-Gebiet.<\/p>\n<blockquote><p><strong>Allan Guthrie: <span style=\"font-variant: small-caps;\">Abschied ohne K\u00fcsse<\/span> <\/strong>\/ \u00dcbersetzt von Gerold Hens. &#8211; Berlin : Rotbuch Verlag, 2008<br \/>\nISBN 978-3-86789-024-3<br \/>\n(Hard Case Crime; 001)<\/p>\n<p>US-Amerikanische Ausgabe:<br \/>\n<strong>Allan Guthrie: <span style=\"font-variant: small-caps;\">Kiss Her Goodbye<\/span><\/strong>. &#8211; New York : Dorchester, 2005.<br \/>\nISBN 0-8439-5355-1<br \/>\n(Hard Case Crime; 008)<\/p>\n<p>Buch bestellen bei:<br \/>\n<a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/ASIN\/3867890242\/ludgerslesezeich\/\">\u00bb amazon.de<\/a> <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/partners.webmasterplan.com\/click.asp?ref=72132&amp;site=2701&amp;type=text&amp;tnb=8&amp;pid=3867890242\">\u00bb libri.de<\/a> <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/partners.webmasterplan.com\/click.asp?ref=72132&amp;site=2176&amp;type=text&amp;tnb=3&amp;pid=3867890242\">\u00bb buch24.de<\/a> <a href=\"http:\/\/partners.webmasterplan.com\/click.asp?ref=72132&amp;site=3780&amp;type=text&amp;tnb=14&amp;prd=yes&amp;suchwert=3867890242\" target=\"_blank\">\u00bb buecher.de<\/a><\/p>\n<p><strong>Links:<\/strong><br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.krimiblog.de\/973\/hard-case-crime-interview-mit-lisa-kuppler.html\">&rarr; \u00e2\u20ac\u0153Politisch korrekt geht es da nat\u00fcrlich nicht immer zu\u00e2\u20ac\u009d &#8211; Interview mit der Herausgeberin und Lektorin Lisa Kuppler zum Start der \u00e2\u20ac\u0153Hard Case Crime\u00e2\u20ac\u009d-Reihe in deutscher \u00dcbersetzung<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.allanguthrie.co.uk\/\">&rarr; Homepage von Allan Guthrie<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/hardcasecrime.de\/\">&rarr; hardcasecrime.de &#8211; Internetseite zur deutschen Reihe<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/hardcasecrime.com\/\">&rarr; hardcasecrime.com &#8211; Internetseite zur US-amerikansichen Reihe<\/a><\/p>\n<\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Allan Guthrie: Abschied ohne K\u00fcsse Der Schotte Allan Guthrie ist so etwas wie das Wunderkind der englischen Krimiszene. 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