{"id":999,"date":"2008-05-12T17:01:04","date_gmt":"2008-05-12T15:01:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.krimiblog.de\/?p=999"},"modified":"2008-05-12T17:01:04","modified_gmt":"2008-05-12T15:01:04","slug":"guillermo-martinez-der-langsame-tod-der-luciana-b","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/?p=999","title":{"rendered":"Wahrheit oder Wahn?"},"content":{"rendered":"<p><img src=\"http:\/\/www.krimiblog.de\/images\/der_langsame_tod_der_luciana_b.jpg\" style=\"float: right; margin-left: 15px;\" alt=\"Der langsame Tod der Luciana B.\"><strong>Guillermo Mart\u00ednez: <span style=\"font-variant: small-caps;\">Der langsame Tod der Luciana B.<\/span><\/strong><\/p>\n<p>An Jorge Luis Borges, dem gro\u00dfen Schriftsteller der argentinischen Literatur, scheint kaum einer seiner schreibenden Landsleute vorbei zu kommen. An ihm und seinem Werk arbeiten sich Autoren der j\u00fcngeren Generation offensichtlich gerne ab. So zum Beispiel der 1962 geborene Guillermo Mart\u00ednez, der von Hause aus Mathematiker ist und unter anderem eine Abhandlung \u00fcber <span style=\"font-variant: small-caps;\">\u00e2\u20ac\u0153Borges y la matematica\u00e2\u20ac\u0153<\/span> (<span style=\"font-variant: small-caps;\">\u00e2\u20ac\u0153Borges und die Mathematik\u00e2\u20ac\u0153<\/span>) verfasst hat. Auch in seinem an literarischen Anspielungen und Verweisen reichen Roman <span style=\"font-variant: small-caps;\">\u00e2\u20ac\u0153La muerte lenta de Luciana B\u00e2\u20ac\u0153<\/span> &#8211; bei uns unter dem Titel <span style=\"font-variant: small-caps;\">\u00e2\u20ac\u0153Der langsame Tod der Luciana B.\u00e2\u20ac\u0153<\/span> k\u00fcrzlich erschienen &#8211; finden sich starke Bez\u00fcge zum Wegbereiter der postmodernen Literatur. Der belesene Borges spielte in seinen Erz\u00e4hlungen gerne mit seinen Lesern, sorgte durch das Verwischen der Grenzen zwischen Realit\u00e4t und Fiktion f\u00fcr Verunsicherung. \u00c4hnliches findet sich nun in dem Roman von  Mart\u00ednez, der \u00fcber das langsame Sterben der jungen Luciana B. berichtet.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nAls junge Studentin war Luciana Sekret\u00e4rin des ber\u00fchmten Schriftstellers Kloster, der in seiner Heimat als Nationalheld gefeiert wurde. Sie schrieb seine B\u00fccher nieder, die er ihr diktierte. B\u00fccher, die oberfl\u00e4chlich Kriminalromane waren, letztlich aber nur als \u00e2\u20ac\u0153b\u00f6se\u00e2\u20ac\u0153 bezeichnet werden k\u00f6nnen. So kategorisiert sie jedenfalls der namenlose Ich-Erz\u00e4hler und Schriftsteller, der Luciana ebenfalls kennt. F\u00fcr wenige Wochen stand sie einst als Sekret\u00e4rin in seinem Dienst, bevor sie schlie\u00dflich zu Kloster zur\u00fcckkehrte. Zehn Jahre sind seitdem vergangen, als Luciana eines Sonntags morgens v\u00f6llig verzweifelt bei dem namenlosen Schriftsteller anruft. Sie erz\u00e4hlt ihm eine erschreckende Geschichte.<\/p>\n<p>Luciana behauptet, dass Kloster ihre Familie umbringe, nach dem sie seine erotischen Avancen  abgelehnt und sogar gegen ihn geklagt habe. Noch w\u00e4hrend das gerichtliche Verfahren l\u00e4uft, stirbt Klosters einzige Tochter. Er gebe Luciana die Schuld am Tod seiner Tochter und deshalb ziehe er in einen geschickt eingef\u00e4delten Rachefeldzug. Erst ertrinkt Lucianas Freund, dann sterben ihre Eltern an einer Pilzvergiftung und schlie\u00dflich wird ihr Bruder von einem Einbrecher ermordet. Der namenlose Schriftsteller, dem Luciana diese Geschichte erz\u00e4hlt, ist gespalten. Der ber\u00fchmte Nationaldichter Kloster als hinterh\u00e4ltiger Strippenzieher unnat\u00fcrlicher Tode? Ein Erfinder des Todes, dessen Grausamkeit in seinen Romanen nachzulesen ist? Der Ich-Erz\u00e4hler steht vor der Frage, ob Luciana die Wahrheit erz\u00e4hlt, oder ob sie unter einem Verfolgungswahn leidet. So recht mag er ihr nicht glauben, dennoch notiert er sich Lucianas Geschichte und konfrontiert Kloster damit. Der wiederum erz\u00e4hlt ihm seine Version der Ereignisse \u00e2\u20ac\u201c und die beginnen mit den Notizb\u00fcchern von Henry James. <\/p>\n<p><strong>Keine Aufkl\u00e4rung <\/strong><\/p>\n<p>Mart\u00ednez l\u00e4sst seinen Kloster einmal sagen: <em>\u00e2\u20ac\u0153Was erz\u00e4hlt denn ein Kriminalroman in erster Linie? Nicht unbedingt die Tatsachen, nicht die aufeinanderfolgenden Leichen, sondern die Vermutungen, die m\u00f6glichen Erkl\u00e4rungen, das, was dahintersteckt.\u00e2\u20ac\u0153<\/em> Wie sein gro\u00dfes Vorbild Borges, dessen Portr\u00e4t immer wieder bei der Figur des Schriftstellers Kloster durchschimmert, l\u00e4sst Guillermo Mart\u00ednez am Ende seine Leser verwirrt zur\u00fcck. Der Autor lotet statt dessen die M\u00f6glichkeiten aus, die ihm die Konventionen des Kriminalromans bieten. Wie ein ermittelnder Kommissar oder Detektiv h\u00f6rt der Leser, vertreten durch den namenlosen Ich-Erz\u00e4hler des Romans, verschiedene Versionen der gleichen Geschichte, die eben nicht die gleiche Geschichte ist \u00e2\u20ac\u201c so, wie es eben nicht eine Realit\u00e4t gibt. <\/p>\n<p>Eine Aufkl\u00e4rung wie im klassischen Krimi findet nicht statt, kann nicht statt finden, denn auf die Frage \u00e2\u20ac\u0153Wahrheit oder Wahn?\u00e2\u20ac\u0153 gibt es eben keine eindeutige Antwort. Um so st\u00e4rker strahlt in dieser dunklen Ungewissheit das Diabolische, das Zwielichtige der Kriminalliteratur hervor. Als Mathematiker wei\u00df Mart\u00ednez, dass die menschliche Logik irgendwo an ihre Grenzen st\u00f6\u00dft. Sp\u00e4testens ab da beginnt das Reich des Irrationalen, des Wahns und des Phantastischen. Nur wo diese Grenze liegt, dass muss man als Leser selbst herausfinden. Ein Autor wie Jorge Luis Borges hat Generationen von Lesern an und \u00fcber diese Grenzen gef\u00fchrt &#8211;  Guillermo Mart\u00ednez schickt sich an, es ihm auf spannende Weise gleich zu tun. Er ist auf einem guten Wege dahin. <\/p>\n<blockquote><p><strong>Guillermo Mart\u00ednez: <span style=\"font-variant: small-caps;\">Der langsame Tod der Luciana B.<\/span><\/strong> \/ Aus dem Spanischen von Angelica Ammar. &#8211; Frankfurt am Main : Eichborn, 2008<br \/>\nISBN 978-3-8218-7200-1<\/p>\n<p>Originalausgabe: <strong>Guillermo Mart\u00ednez : <span style=\"font-variant: small-caps;\">La muerte lenta de Luciana B.<\/span><\/strong> &#8211; Barcelona :  Ediciones Destino, S.A., 2007<br \/>\nISBN 978-84-233-3967-9<\/p>\n<p>Buch bestellen bei:<br \/>\n<a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/ASIN\/3821872004\/ludgerslesezeich\/\">\u00bb amazon.de<\/a> <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/partners.webmasterplan.com\/click.asp?ref=72132&amp;site=2701&amp;type=text&amp;tnb=8&amp;pid=3821872004\">\u00bb libri.de<\/a> <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/partners.webmasterplan.com\/click.asp?ref=72132&amp;site=2176&amp;type=text&amp;tnb=3&amp;pid=3821872004\">\u00bb buch24.de<\/a> <a href=\"http:\/\/partners.webmasterplan.com\/click.asp?ref=72132&amp;site=3780&amp;type=text&amp;tnb=14&amp;prd=yes&amp;suchwert=3821872004\" target=\"_blank\">\u00bb buecher.de<\/a>\n<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img src=\"http:\/\/www.krimiblog.de\/images\/der_langsame_tod_der_luciana_b.jpg\" style=\"float: right; margin-left: 15px;\" alt=\"Der langsame Tod der Luciana B.\"><br \/>\n<strong>Guillermo Mart\u00ednez: <span style=\"font-variant: small-caps;\">Der langsame Tod der Luciana B.<\/span><\/strong><\/p>\n<p>An Jorge Luis Borges, dem gro\u00dfen Schriftsteller der argentinischen Literatur, scheint kaum einer seiner schreibenden Landsleute vorbei zu kommen. An ihm und seinem Werk arbeiten sich Autoren der j\u00fcngeren Generation offensichtlich gerne ab. So zum Beispiel der 1962 geborene Guillermo Mart\u00ednez, der von Hause aus Mathematiker ist und unter anderem eine Abhandlung \u00fcber \u00e2\u20ac\u0153Borges y la matematica\u00e2\u20ac\u0153 (\u00e2\u20ac\u0153Borges und die Mathematik\u00e2\u20ac\u0153) verfasst hat. Auch in seinem an literarischen Anspielungen und Verweisen reichen Roman \u00e2\u20ac\u0153 La muerte lenta de Luciana B\u00e2\u20ac\u0153 &#8211; bei uns unter dem Titel \u00e2\u20ac\u0153Der langsame Tod der Luciana B.\u00e2\u20ac\u0153 k\u00fcrzlich erschienen &#8211; finden sich starke Bez\u00fcge zum Wegbegleiter der postmodernen Literatur. Der belesene Borges spielte in seinen Erz\u00e4hlungen gerne mit seinen Lesern, sorgte durch das Verwischen der Grenzen zwischen Realit\u00e4t und Fiktion f\u00fcr Verunsicherung. \u00c4hnliches findet sich nun in dem Roman von  Mart\u00ednez, der \u00fcber das langsame Sterben der jungen Luciana B. berichtet.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[11],"tags":[53,198,221,249,562,276],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/999"}],"collection":[{"href":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=999"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/999\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=999"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=999"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/archiv.krimiblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=999"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}